Schreiben als Kinderspiel

Lübeck – In den ersten Grundschuljahren, so erzählt die Lübeckerin, wurde ihre Tochter "ganz traditionell" unterrichtet. "Da ist sie schon nicht mitgekommen." Die Mutter sah schwarz und war umso erstaunter, als ihr Kind in der dritten Klasse richtig gut in Rechtschreibung wurde und sichtbar Spaß am Schreiben hatte.

Was war passiert? Die Antwort kann jeder morgen in Kronshagen sehen – in einem Film über individuelle Lernwege, den die Lehrerin dieses Mädchens in Klassen in Schleswig-Holstein und Hamburg gedreht hat. Beate Leßmann hat bei mehreren Schülergenerationen miterlebt, wie quälend und frustrierend Rechtschreibung für viele Kinder ist. Zunächst als Grundschullehrerin in Nordrhein-Westfalen, dann bei einem einjährigen Aufenthalt in Nashville/USA und natürlich auch als Mutter von drei Söhnen. Akzeptieren wollte dies die Pädagogin aber nicht, war sie doch überzeugt, dass gerade das Schreiben Kinder stark und sicher machen kann. Es kam nur darauf an, für jedes Kind den passenden Schlüssel zu finden, mit dem es sich das Reich der Buchstaben erschließen kann. Beate Leßmann bot ihren Schülern solche Schlüssel an. Etwa ein Tagebuch, in welches das Kind schreiben kann, was es mag – Hauptsache, es schreibt. Oder eine eigene "Wörterklinik", in der alle Wörter behandelt werden, die bei einem Kind wie verhext immer wieder falsch auf dem Papier landen. Solche individuellen Lernwege brachten die Kinder so weit nach vorn in der Rechtschreibung, dass Beate Leßmann diese Methode mitnahm, als sie mit ihrer Familie vor ein paar Jahren nach Schleswig-Holstein zog.

Im keineswegs privilegierten Stadtteil Lübeck-Kücknitz übernahm sie eine 3. Grundschulklasse, in der viele Kinder das Erlernen der Rechtschreibung bereits als vergeblichen Kampf abgehakt hatten. Dass sich dies innerhalb eines Jahres messbar änderte, brachte die heute 41-Jährige auf die Idee mit dem Film: Jeder sollte nachvollziehen können, wie der Alltag in einer Klasse aussieht, wenn jedes Kind auf seine Art die Rechtschreibung lernt. Also ließ sie den Filmemacher Lothar Sack ihren Unterricht in Kücknitz filmen, ließ Kinder zu Wort kommen und auch Eltern: "Das ganze Verhalten der Kinder, auch untereinander, ist viel besser geworden. Es ist in der Klasse immer ruhiger geworden", berichtet eine Elternvertreterin.

Weil natürlich auch andere Pädagogen solche Wege im Unterricht gehen, dokumentierte Leßmann zudem Klassen in Stockelsdorf und in Hamburg. Tatsächlich ist es verblüffend zu sehen, wie gut die ABC-Schützen in der Grundschule Stockelsdorf schon nach vier Monaten schreiben können. Und das Erstaunen wächst noch bei den Hamburger Beispielen – einer integrative Klasse mit etlichen lernbehinderten Kindern und einer Klasse, in der Kinder aus 14 Nationen sitzen. "Ich könnte in dieser Klasse gar nicht anders arbeiten. Die Kinder entwickeln sich viel besser", sagt die Lehrerin der integrativen Klasse in dem Film.

"Ich hoffe, die Beispiele machen Mut – den Eltern, aber auch Lehrerkollegen. Denn dafür braucht ein Lehrer keine Genehmigung, kein Extra-Projekt, kein zusätzliches Geld", sagt Beate Leßmann. Vor allem transportiert der Film "Jedes Kind wertschätzen!" den Stolz der Kinder auf die eigene Leistung. Wie jene Zweitklässlerin, die gerade eifrig ihr Tagebuch erweitert hat: "Ich habe über zwei Rosen geschrieben. Die haben sich verliebt, und dann haben sie geheiratet..."

Von Heike Stüben

(Kieler Nachrichten, 20. November 2006)

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